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Mittwoch, 20. April 2016

Tschernobyl und Prypjat

Da mich verlassene Orte schon lange interessieren hat mich natürlich auch die "Zone" schon länger gereizt. Und als Oli den Vorschlag machte war ich sofort Feuer und Flame. Naja eigentlich nicht sofort, aber nachdem ich mich kundig gemacht habe über die aktuelle Strahlung und Gefahr.
der havarierte Reaktor

Früh morgens geht es mit einem Bus vom Kiewer Hauptbahnhof los. Eigentlich hatten wir mit einem Kleinbus mit ein paar "Verrückten" gerechnet und so sind wir dann doch überrascht als dort ein großer Reisebus mit 50 Leuten wartet. Es sind auch keinesfalls nur Verrückte oder Fotografen sondern ein bunt gemischtes Publikum welches auch ebenso gut einen Tagesausflug in den Schwarzwald hätte machen können. 
verlassene Häuser

Die Fahrt nach Chernobyl dauert gerade mal zwei Stunden. Unterwegs wird ein kurzer Dokumentarfilm über das Atomkraftwerk gezeigt und die Geiger-Müller-Zähler an diejenigen verteilt die einen mieten wollen. Ich habe meinen eigenen dabei. Zum einen weil ich als ITler sowieso alles liebe was piept und blinkt zum anderen weil ich einen unabhängigen haben wollte "Traue keinem Messgerät, dass du nicht selbst manipuliert hast". Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen: Wir haben die Werte zwischen meinem und dem Leihgerät anschließend verglichen und die Dosimeter zeigten ähnliche Werte an.
Kulturzentrum von Prypjat

Beim Passieren des Sperrgebietes werden die Reisepässe noch einmal kontrolliert dann kommen wir in dem kleinen Ort Chernobyl an. Als erstes werfe ich einen Blick in den Kindergarten. Mein Geigerzähler zeigt bereits Werte deutlich über normal an und auch die Geräte der anderen Leute fangen nervös das Piepen an. Es ist irgendwie ein komisches Gefühl: Man sieht, hört, riecht die Gefahr nicht. Lediglich die rote Warnanzeige sagt, dass man hier besser nicht all zulange verweilen sollte.
Kindergarten

Strahlung im Kindergarten

Genauso unbedarft wie eine Reisegruppe im Schwarzwald sind auch einige der anderen Leute. Da werden Gegenstände aufgehoben und angefasst, streunende Hunde gestreichelt und ein Großteil der Gruppe hat sich nicht einmal eines der Leihgeräte gegönnt.

Gelbe Warnschilder am Straßenrand zeigen immer wieder "Hotspots" mit besonders hoher Strahlung an. Genau der ideale Ort um ein Selfie zu machen... Ich wünschte ich hätte es mir ausgedacht! aber erstaunlich viele Leute haben doch genau neben diesen Schildern für ein Foto posiert. Wieder ein paar Anwärter auf den Darwin Award.
Hot Spot

Weiter geht es zum havarierten Reaktor. Hier messe ich auch die höchste Strahlung auf der Tour: 9 Mikrosievert. Ich muss gestehen, ich bin froh hier wieder wegzukommen. Den Gruppenfotos vor der Ruine kann ich nicht viel abgewinnen. 
Als nächsten fahren wir nach Prypjat, vor dem Unglück als eine fortschrittliche Vorzeigestadt präsentiert. 
Ortsschild von Prypjat

Skurril wirken die am Straßenrand immer wieder auftauchenden Schildern mit Bildern von blühenden Landschaften und idyllischen Seen.
Naherholungsgebiet?

In Prypjat beginnen wir unsere Tour im Stadtzentrum, mit einem Gang durch das Civic Center und dahinter zum bekannten Fotomotiv des Riesenrades und anderen Attraktionen die für den 1. Mai aufgebaut aber nie genutzt wurden.


Die große Gruppe hat einen Vorteil: Es fällt nicht weiter auf wenn man sich mal absetzt und seiner Neugier nachgibt. Allerdings halte ich mich dann doch aus Kellern o.ä. fern. Wer weiß, was nach dem Unfall hier alles entsorgt wurde. 
Nacheinander kommen wir an den Resten eines Sportstadions (von dem man nur noch die Tribüne und einen Eingangsbereich erkennen kann, das eigentliche Sportfeld wurde schon komplett von der Natur zurückerobert), eine Schule und dem Hallenbad vorbei.
Schwimmbad "Azure"

Mittags esse ich in der Kantine des Kernkraftwerks welches etwas abseits vom Reaktor liegt. Das Essen weist weder hohe Strahlenwerte noch Geschmackswerte auf. ;-)
Essen in der Kraftwerkskantine

Danach geht es zu Duga-3. Eine riesige Radaranlagen, die innerhalb der Sperrzone liegt und der Raketenabwehr diente, aber nach dem Reaktorunfall aufgegeben wurde. 
Duga-3

Zurück geht es an Betriebs- und Wohngebäude vorbei. Außen vor den Gebäuden liegen herausgerissene Teile der Anlagentechnik.
zerstörte Technik
Während ich Fotos davon mache, verliere ich den Anschluss an die Gruppe. Eine gute Gelegenheit schnell mal in eines der Gebäude zu schlüpfen. Zwischen weitläufigen Räumen mit leeren Racks, finde ich noch eine Art Kontrollraum.

Kontrollraum?

zerstörte Racks

Anschließend mach ich noch einen Abstecher in einer ehemaligen Wäscherei bevor es zurück zum Bus und nach Kiew geht. 
Wäscherei

Beim Verlassen der Zone müssen wir noch zweimal Kontrollstationen mit Personenkontaminationsmonitoren passieren, an denen die Radioaktivität gemessen wird. Tatsächlich stellt man sich kurz auf ein Gerät und geht dann weiter, die Anzeigen sind nicht wirklich selbsterklärend und es scheint sich auch sonst keiner wirklich dafür zu interessieren. Also hoffe ich mal, dass es wenigstens ein eindeutiges Signal geben würde wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Personenkontaminationsmonitor

Beim Rückflug nach FRA kann ich es mir nicht verkneifen den Geigerzähler einzuschalten. Zugegeben ich bin ein bisschen skeptisch ob es eine gute Idee ist. Nicht, dass vielleicht doch ein Sitznachbar beim Anblick eines unbekannten, piepsenden Gerätes mit der roten Anzeige "Gefahr" in Panik gerät. Gut den Ton habe ich dann doch abgeschalten. Und das war auch gut so, schon kurz nach dem Start wechselt die Anzeige auf gelb "Erhöhte Strahlung" und bei Reiseflughöhe sogar auf rot "Gesundheitsgefährdend" mit 3µSv/h. Zum Vergleich in meiner Wohnung in Nürnberg habe ich gerade 0.15 µSv/h.

Abschließend kann man sagen, dass die Strahlendosis für fünf Stunden Hin- und Rückflug höher waren, als bei den sechs Stunden Sperrzone.
3 Stunden Zone (links) vs Rückflug (rechts)

Montag, 11. April 2016

Kiew

Warum Kiew? Weil es gerade gar nicht als Reiseland zählt und auch deswegen noch sehr günstig ist. Außerdem ist es mit zwei Stunden Flugzeit relativ nah, auch wenn die ganze ehemalige UDSSR in unseren Köpfen immer noch so weit weg scheint.
Majdan Nesaleschnosti (Platz der Unabhängigkeit)

Mit dem Flieger geht es zusammen mit Oli von wasmachtoli direkt von FRA nach Kiew. Die Einreise ist unkompliziert. Obwohl einige Informationen sagen, man müsste genug Geldmittel und eine Versicherung nachweisen wird nichts davon verlangt. Auch von den befürchteten langen Wartezeiten ist nichts zu merken: Kurz einen Stempel in den Pass und ich bin drin. Nachdem wir früher als erwartet aus dem Airport kommen, nehmen wir doch den Bus und die Metro zu unserem Hostel.
Landscape Alley
Seit der Fußballmeisterschaft ist die Beschriftung der U-Bahn-Stationen zum Glück zweisprachig. Ein Jeton für eine Fahrt kostet 4 UAH (=0,15 Euro).
Kiewer Metrostation
Das Hostel ist eine ehemalige Wohnung in einem Mehrfamilienhaus, in der drei Zimmer zu Schlafräumen umgewidmet wurden. Entsprechend familiär ist die Atmosphäre, die einzige Toilette und die einzige Dusche leider auch entsprechend ausgelastet. 

Am ersten Tag geht es nach einem guten Frühstück im Cafe gegenüber erstmal die Gegend erkunden. Unvermittelt treffen wir auf ein unterirdisches Wassermuseum.
Wassermuseum
Nachdem das mal was anderes ist beschließen wir es uns anzusehen. Was wir leider nicht wissen: Das Museum darf nicht auf eigene Faust entdeckt werden sondern nur in einer Führung. Leider spricht unsere Führerin kein englisch. Aber nach einigem hin und her treibt das Personal doch jemanden auf die etwas englisch spricht und wir bekommen eine Privatführung. Nachmittags schließen wir uns einer kostenlosen Walking tour an. Kiew ist eine Stadt mit vielen schönen Gebäuden und Kirchen, aber auch mit einigen typischen sozialistischen Bauten in einem frischen Steingrau. Von den Auseinandersetzungen in den letzten Jahren finden sich auch noch ein paar Kriegsruinen.
Sophienkathedrale

St. Michael's Cathedral

Kiev Funicular


Unser Guide zeigt uns die Basics von Kiew, von der St. Michael's Cathedral über St. Sophia Cathedral bis zum Golden Gate. Leider ist es an dem Tag so kalt, dass wir froh sind als wir auf einen heißen Kaffee einkehren können.
Stadttor "Golden Gate"

Anschließend geht es in das Chernobylmusuem. Hier wird die Geschichte um die Katastrophe und die Tragödien der Menschen die dort lebten beleuchtet. 
Chernobyl Museum

Am nächsten Tag steht das Höhlenkloster Kijewo-Petscherska Lawra auf dem Programm. Eine große Klosteranlage, deren Highlight unterirdische Gänge sind in denen die Gebeine Gebeine der Mönche liegen an denen sich viele Leute mit Kerzen vorbeischieben. Ich habe nichts gegen Höhlen, oder Menschenansammlungen oder Kerzen, aber alles drei zusammen ist doch etwas unheimlich. Und so bin ich dann doch froh als ich endlich wieder das Tageslicht erblicke ohne dass mich jemand von hinten angekokelt hat.
Kijewo-Petscherska Lawra

Für den letzten Tag haben wir uns eine Fahrt in die Zone vorgenommen. Davon aber im nächsten Eintrag mehr.
Blick auf den Dnepr